
" Was darf man sich darunter vorstellen? "………
" Was darf man sich darunter vorstellen? " diese Frage meines Augenbrauen hochziehend vor mir stehenden 16jährigen Sohnes betreffend meiner Ansage, dass er in den Sommerferien sein Taschengeld beim Umzugunternehmer aufbessern "darf", fiel mir schlagartig ein, als wir neulich nichtsahnend und gutgelaunt über den Viktualienmarkt schlenderten und einen Steinwurf vom Karl-Valentin-Brunnen entfernt förmlich über ein Schild stolperten, auf dem Gemüse aus "friedfertigem Anbau " feilgeboten wurde, das auch noch "mehr als bio" sein wollte. Oha!!!
Tja, und nun? Was nun darf man sich darunter vorstellen? Es war mir bis dahin neu, dass es von bio noch 'ne Steigerung gibt, aber offensichtlich lernt man ja nie aus. Unter "bio" konnte man sich bis dato ja so ungefähr was vorstellen, aber was ist denn noch "bio-er" ? Was geschieht da mit der guten alten Tomate, wenn sie gesteigert " bio " ist ?
Ich stell' mir jedenfalls ein friedvolles Feld voll lauter glücklicher Tomaten, Gurken, Möhrchen und Zucchinis vor, die alle einträchtig und verständnisvoll, NATÜRLICH vollkommen friedfertig miteinander aufwachsen. Für die die ausgebildete Biogärtnerin stets ein liebes Wort auf ihren spröden Lippen hat, von denen alles Ungute strikt ferngehalten wird und für die das böse Wort "häckseln" oder gar " schnippeln und zerkleinern " überhaupt nicht im Wortschatz auftaucht und die natürlich auf ihre allabendliche Gutenacht-Geschichte und die dazugehörige Streicheleinheit weder verzichten wollen noch müssen.
Was sonst bitte, darf man sich unter friedfertigem Anbau vorstellen? Der arme ( oder doch eher beneidenswerte ) Karl Valentin, der sich bei diesem Worterguss hundertprozentig mehrfach im Grabe würde umdrehen und auf dessen spitzfindigen Kommentar hierzu man sich hätte freuen dürfen.
Den mit Apostelbereifung ausgestatteten, mit gefilzten Hängerchen und verfilzten Haaren friedlich dreinschauenden Verkäuferinnen, denen man richtiggehend ansieht, wie ungern sie sich von ihren liebevoll aufgepäppelten Schützlingen trennen, kann man auch gar nicht wirklich böse sein; selbst wenn man die in die Biotüte eingewickelten Kostbarkeiten zu einem Preis über den Tresen gereicht bekommt, der einem, in meinem Fall, die Glitzersommersandalen auszieht.
Man ist schon erstaunt, welche Blüten es treiben kann, wenn man sich krampfhaft und gnadenlos von der BIO-MASSE abheben möchte und einem, außer BIO-Müll, einfach nichts mehr einfallen mag.
Jedenfalls hätt' ich bei jedem Biss' in solch kostbares und achtsam großgezogenes Gewächs ein schlechtes Gefühl. Zum einen, weil mir dabei mein restliches Monatsbudget ein Magengeschwür heraufbeschwören würde und zum anderen, weil das Wort " zum Verzehr geeignet ", NATÜRLICH ebenfalls in ihrem Wortschatz überhaupt nicht vorkommt.
Guten Appetit.
Eure Mascha

